10.000 Jahre Menschheitsgeschichte im Spiegel
der Klimaentwicklung
Dann
legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und
setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der
Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen,
verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten,
in der Mitte des Gartens aber den Baum der Erkenntnis von
Gut und Böse.
Genesis 2,8
Als erstes entstand das goldene
Geschlecht, das keinen Rächer kannte und freiwillig,
ohne Gesetz, Treue und Redlichkeit übte.
Auch
gab die Erde, frei von Lasten und Pflichten, von keiner Hacke
berührt, von keiner Pflugschar verletzt, alles von selbst
Ewiger Frühling herrschte, und sanfte Westwinde streichelten
mit lauen Lüften die Blumen, die ungesät entsprossen
waren. Bald trug ungepflügte Erde auch Getreide, und
ohne nach einer Brache neu bearbeitet zu sein, war der Acker
weiß voll schwerer Ähren.
Ovid, Metamorphosen 1, 89-110
Die meisten Paradiesmythen schildern ein längst
vergangenes, Goldenes Zeitalter, in dem die Menschen ohne Furcht
und Mangel lebten. Die älteste bekannte Paradiesvorstellung
stammt von den Sumerern, die in Mesopotamien vor über 5000
Jahren lebten. In dem Mythos wird ein Land beschrieben, dessen
Felder ewig grün und fruchtbar sind und aus dessen Erde
reine Quellen sprudeln. Dieses Land ist von Göttern und
Göttinnen bevölkert, die frei von Krankheit, Tod und
Mühsal sind.
Das Paradies, von dem die Mythen berichten, hat es tatsächlich
gegeben. Der Stuttgarter Geograph Professor Wolf Dieter Blümel
ist davon überzeugt, dass die Mythen einen ganz realen
Hintergrund haben. Auf die letzte Würm-Eiszeit folgte vor
10.200 Jahren die jetzige Warmzeit, das Holozän. Zu diesem
Zeitpunkt etwa zwischen 10.000 bis 4.000 vor heute war es auf
der Erde so warm, wie es bis heute nicht mehr gewesen ist.
Wolf Dieter Blümel nennt verschiedene Wege, auf denen er
das Klima zurückliegender Jahrtausende rekonstruiert. Alte
Holzfunde datiert er mit der C14-Methode, die Jahresringe verraten
günstige oder ungünstige Vegetationsbedingungen. In
Mooren konservierte Pollen geben über das Klima vor Jahrtausenden
Auskunft. Außerdem findet man in tiefen Erdschichten oft
alte, fossile Böden. Entspricht ein entdeckter fossiler
Boden zum Beispiel der schwarzen Steppenerde der Ukraine, dann
folgt der Schluss, dass zu der Zeit, als dieser Boden entstand,
am Fundort ein Klima wie heute in der Ukrainischen Steppe geherrscht
hat.
Mit all diesen Methoden konnten die Wissenschaftler nachweisen,
dass in der Zeitspanne des so genannten nacheiszeitlichen Wärmeoptimums,
die vor 10.000 Jahren begann und gute 5000 Jahre andauerte,
paradiesische Zustände herrschten, denn es war auf der
Erde zwei bis zweieinhalb Grad wärmer als heute.
Für Wolf Dieter Blümel stellt das
nacheiszeitliche Wärmeoptimum für den damaligen Menschen
eine sehr glückliche Zeit dar, weil sie berechenbar ist.
Es ist warm aber nicht zu trocken, und unter diesen optimalen
Bedingungen beginnen die Menschen in den Savannengebieten, Pflanzen
anzubauen, anstatt sie nur zu sammeln. So werden aus Nomaden
Sesshafte, aus Sammlern und Jägern Ackerbauern und Viehzüchter
- ein Umbruch, der als jungsteinzeitliche ackerbauliche Revolution
bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber wohl eher eine Evolution,
eine langsame kulturelle Änderung war. Das spielt sich
vor etwa 9000 Jahren im Bereich des fruchtbaren Halbmonds ab;
ein Gebiet, das die heutigen Länder Israel, Libanon, Syrien,
Irak, Türkei und Iran umfasst. Teile heutiger Wüsten
sind damals grün. Aus nomadisierenden Wildbeuter-Kulturen
entwickeln sich sesshafte Ackerbauern-Gesellschaften mit einer
produktiven Landwirtschaft, die Überschüsse erwirtschaften
kann. Jericho, die älteste Stadt der Welt wird gegründet.
Diese neue Kultur verbreitet sich bis nach Zentraleuropa.
Stonehenge kann als Paradebeispiel am Ende dieser prosperierenden
Wärmeperiode gelten, denn es gehört viel Energie dazu,
die gewaltigen Stelen und Steinsäulen über lange Strecken
zu transportieren. Es muss eine Überschussproduktion an
Lebensmitten gegeben haben. Eine darbende Gesellschaft hätte
dies nicht zuwege gebracht.
Aber die paradiesischen Zeiten finden
dann ein abruptes Ende:
So ist verflucht der Ackerboden
deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle
Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen,
und die Pflanzen des Feldes musst du essen. Ich Schweiße
deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst
zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist
du, zum Staub musst du zurück.
Genesis 3,17
Wolf Dieter Blümel sieht in einem gut
datierten Fund den Zeitpunkt, an dem die Vertreibung aus dem
Paradies stattgefunden hat: vor 5300 Jahren schneit ein Mann
in den Ötztaler Alpen ein, mumifiziert, und die Schneedecke
gibt den Mann am Hauslabjoch - der populär geworden ist
als "Ötzi" - erst in unseren Tagen wieder frei.
Es muss damals als der Mann ums Leben kam, ein sprunghafter
Klimawechsel stattgefunden haben. Denn vor diesem Zeitpunkt
wanderten die Menschen aus dem heutigen Südtirol mit ihren
Herden regelmäßig nach Nordtirol. Ganz plötzlich,
in einem Klimasprung muss es kälter geworden sein, so dass
die Alpen nicht mehr passierbar waren.
In der Periode der so genannten Klimadepression
der Bronzezeit wird es ein bis zwei Grad kälter als heute.
Die Folgen sind regionale Missernten und Versorgungsprobleme.
Aber die schwierigen Zeiten scheinen jetzt den Erfindergeist
herauszufordern. Obwohl der neue Werkstoff Bronze schon in der
Jungsteinzeit bekannt war - Ötzi besaß ein Bronzebeil
- erhält das neue Metall immer größere Bedeutung,
bis es von einem anderen Metall, dem Eisen abgelöst wird.
Von damals bis heute vollzieht das Klima ein ständiges
Auf und Ab. Vor 2.300 Jahren steigen die Temperaturen wieder
an und es wird ein bis eineinhalb Grad wärmer als heute.
Das große Römische Imperium scheint von diesem Klimaoptimum
begünstigt zu sein.
Dann, 200 - 600 nach Christus, schlägt
das Klimapendel wieder zur anderen Seite aus. Ein kühles,
stark wechselhaftes Klima in Nord- und Nordwest-Europa verursacht
Ernteausfälle und führt zur Völkerwanderung.
Um 1.000 nach Christus endet die kalte Periode.
Wie eine Aufzeichnung im Staatsarchiv Nürnberg aus dem
Sommer 1022 zeigt, konnte das warme Klima auch einmal zur Plage
werden:
dass viel Leut umb Nürnberg
auff den Strassen vor grosser Hitz verschmachtet und ersticket,
deßgleichen sind auch alla Früchte auff den Feldern,
Gärten und Wiesen auch Ackern verdorret und verbrenet,
auch sein viel Brunen Flüsse Weyher und Bäche vertrocknet
und versieget, wie dann umb Nürnberg alle Bäche
und Weyher biß auff fünff vertrocknet und und zwey
Brunen vor grosser Hiz versieget, dardurch grosser mangel
am Wasser entstanden ist.
Zitiert nach: Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas,
2001; S. 61
Professor Rüdiger Glaser ist Geograph
in Heidelberg mit dem Schwerpunkt der historischen Klimatologie.
Sein Buch "Klimageschichte Mitteleuropas" analysiert
das Wettergeschehen der letzten eintausend Jahre. Seinen Arbeitsplatz
findet er in Archiven, in denen er historische Quellen auswertet:
in edel möblierten Bibliotheksräumen, düsteren
Kellergewölbe, ungeheizten Turmzimmern mit zugigen Fenstern
oder auch in hochherrschaftlichen Hallen, erzählt er. Bei
seiner Forschung stößt er schon mal auf missmutige
Archivare, die ihre Archive als eine Art persönlichen Besitz
ansahen, aber auch auf Bibliotheksleiter, die sich voller Elan
auf die neue Kundschaft stürzen.
Die historische Klimatologie beschäftigt sich mit dem Klimaablauf
in historischer Zeit und basiert auf schriftlichen Aufzeichnungen,
die Rüdiger Glaser in den Archiven Jahre lang studiert
hat. In den Archiven finden sich schriftliche Hinweise auf Witterungsextreme,
auf Stürme, Hochwässer, auf den Beginn der Weinblüte,
auf die Ente des Weins oder des Getreides. Aus diesen Angaben
kann Rüdiger Glaser herleiten, welche Temperaturen damals
geherrscht haben müssen. Die
historischen Klimaforscher haben für das Mittelalter berechnet,
dass die Temperaturen ein bis zwei Grad über den heutigen
Durchschnittswerten liegen. Allerdings
werden bei den Berechnungen auch sogenannte Naturarchive herangezogen:
beispielsweise Wachstumsringe im Holz, Seesedimente und Pollenanalyse.
Mit Hilfe der aus diesen naturwissenschaftlichen Quellen gewonnenen
Daten eicht Rüdiger Glaser sozusagen die Beschreibungen
in den historischen Quellen.
Überdurchschnittliche Temperaturen
führen zu kulturellem Fortschritt - diese Erkenntnis gilt
auch für das Mittelalter: Die Anbaugrenzen in den deutschen
Mittelgebirgen sind 200 Meter höher als heute. Die Kulturlandschaft
erfährt ihre bisher größte Ausdehnung, der Anteil
des Waldes geht in 300 Jahren von drei Viertel auf ein Fünftel
der Fläche zurück. Zahlreiche Siedlungen werden neu
gegründet, was sich heutzutage in vielen Stadtjubiläen
widerspiegelt. Große Städte mit Handel und Gewerbe,
mit Dienstleistung und Ständewesen können sich entwickeln,
weil sie vom Umland sicher versorgt werden. Unter dem günstigen
Klima gedeiht eine ergiebige Landwirtschaft, die mehr erwirtschaftet,
als zum Leben direkt notwendig ist. Auf dieser Grundlage entsteht
neuer Wohlstand, auch wenn nicht alle in gleichem Maße
von diesem profitieren. Die aufwändige Architektur der
Gotik ist für diese mittelalterliche Entwicklung ein deutliches
Sinnbild. Ziemlich abrupt endet aber diese Blüte.
Im Jahre des Herrn 1342, am zwölften
Tage vor den Kalenden des August, das war am Sonntag vor Jacobi,
schwoll der Main so stark an wie nie zuvor, dass er oberhalb
der Stufen des Würzburger Doms und darüber hinaus
die ersten steinernen Statuen umspülte. Die Brücke
mit ihren Türmen, die Mauern und viele steinerne Häuser
in Würzburg stürzten zusammen. In diesem Jahr gab
es eine ähnliche Überschwemmung in ganz Deutschland
und anderen Gebieten. Und dieses Haus wurde durch Meister
Michael von Würzburg erbaut.
Zitiert nach: Rüdiger Glaser,
Klimageschichte Mitteleuropas, 2001; S. 200
In acht Tagen fällt damals ungefähr
die Hälfte des sonst üblichen Jahresmenge an Niederschlag,
alle Brücken zerreißen, alle Mühlen werden zerstört,
die mit Weinreben bestellten Hänge kommen ins Rutschen,
fruchtbarer Ackerboden wird weggespült. Das Katastrophenwetter
terrorisiert in diesem Jahr die Menschen allerorts. Überschwemmungen,
wie wir sie beim Oderhochwasser 1997 erlebt haben, suchen ganz
Mitteleuropa heim. Die Jahrtausendflut schwemmt so viel fruchtbaren
Boden fort, wie bei normalen Wetterbedingungen in einem Zeitraum
von 2000 Jahren verloren geht.
Das ist der Beginn einer neuen Epoche, um 1350 herum beginnt
sich das Klimasystem offenbar umzustellen, es kippt regelrecht,
es kommt zu starken Hochwässern, die Menschen sind geschwächt,
weil auch die Ernten relativ schlecht sind, durch zu feuchte
Witterungsverhältnisse kann das Getreide nicht optimal
ausreifen, es verfaulen die Getreidevorräte in den Zehentscheuern.
Hungersnöte und Pest raffen in den kommenden Jahren fast
die Hälfte der Bevölkerung dahin. Mitteleuropa erlebt
einen zivilisatorischen Rückfall mit Aberglauben, Hexenverfolgung
und Judenpogromen. Viele Menschen wandern in die Neue Welt aus.
Mit dem Jahr 1.850 kommt diese krisengeschüttelte
Epoche, auch unter dem Namen "Kleine Eiszeit" bekannt,
zu ihrem Ende. Es wird seitdem wieder wärmer, die Tendenz
hält bis heute an. Diese Umkehr ist zunächst einmal
natürlichen Ursprungs. Aber auch der Mensch dreht seit
dem Beginn der Industrialisierung an der Klimaschraube. Ein
Gedanke drängt sich auf: Wärmere Zeiten waren in der
Vergangenheit immer Zeiten des kulturellen Fortschritts. Wie
verträgt sich das mit den Kassandra-Rufen, mit den Warnungen
vor den Folgen der heutigen Klimaerwärmung? Könnten
höhere Temperaturen nicht ein neues Goldenes Zeitalter
einläuten?
Rüdiger Glaser glaubt an kein neues Goldenes Zeitalter.
Weil man nicht wissen kann, in welcher Dimension sich das Klimasystem
entwickelt. Das Klima kann auch kippen und plötzlich Zustände
herbeiführen, die wir gesellschaftlich nicht mehr bewältigen
können. Wir müssen daran interessiert sein, das Klimasystem
so aufrecht zu erhalten, wie wir es über 150 Jahre gewohnt
sind, meint der Geograph. In unserer
übervölkerten Welt mit unseren empfindlichen Infrastrukturen
bedeutet zusätzliche Erwärmung nur zusätzliches
Risiko. Mit der Klimaerwärmung wird das Goldene Zeitalter
wohl sicher nicht zu uns zurückkehren.
Sendung: WDR 5 Leonardo, 23.05.2003 (geändertes Manuskript)